Dienstag, 13. Dezember 2016

Alle Jahre wieder...



Ach, wenn ich meine Geschichte so erzähle, kommt es mir so vor, als wäre es erst gestern gewesen.

Denn hier, wo Zeit und Raum keine Rolle mehr spielen, gehen auch meine Erdenlicht-Erinnerungen in's Land. Auch ich wurde geboren, meinen Standort wählte ich, na ja, wie soll ich es sagen, fast alleine. Wenn da nicht der Wind gewesen wäre.. Klein aber oho wurde im Schutze meiner grossen Familie langsam aus einem Sproß ein Halbwüchsiger. Um mich herum wuchsen auch andere meines Gleichen, mal zu stattlichen oder auch seltenen schwächlichen Freunden heran. Im Frühling, wenn die Wolken sich öffneten und die Sonne blinzelte, war mein Wuchs besonders kräftig. Der Sommer brachte die Wärme und das Licht, im Herbst wurde mein Stämmchen warm eingedeckt. Unter dieser dicken Laubschicht, die mich so wärmte, konnte mir Gevatter Frost im Winter nichts anhaben.
Wer ich bin??
Mein werter Name lautet: Pinus Abis!

Natürlich kennt mich nur selten jemand unter diesem Namen. Fälschlicherweise werden meine Schwester Pinus Picea und meine Gegenwart häufig verwechselt. Aber dieses nur am Rande erwähnt.

Ich, die kleine Fichte erreichte ein gesundes (na ja bis auf ein paar Blessuren) Alter von etwas 15 Jahren. Es ist nicht gerade viel, ich stecke so zu sagen noch in den Kinderschuhen. Denn wenn ich bedenke, daß ich bei 120 Jahren alt, 35 Meter Höhe erreichen kann und einen fast halben Meter Durchmesser dann besitzen könnte.

Ich schweife von meiner Geschichte mal wieder ab.

Dennoch lerne auch ich nie aus.

Eines Tages, es war der 23. Dezember, Schnee lag zu dieser Jahreszeit in den letzten Jahren, hier wo ich geboren bin, immer seltener. Das Wild zog sich wegen der nassen und durchdringenden Kälte immer tiefer in das Waldesinnere zurück. Eines Tages, ganz auf mich gestellt, bebte plötzlich vor mir die Erde und ein durchdringender Lärm breitete sich aus. Menschen traten in unseren Wald ein. Achteten nicht auf kleinere Artgenossen, die dann unter ihren großen Füßen verschwanden. Unerwartet tauchte ein Riese vor mir auf, betrachtete mich von allen Seiten und schlug zu. Ich spürte nur einen gewaltigen Schmerz, der mich von meinen Wurzeln trennte. Benommen sah und vernahm mein noch letzter Rest von mir, wie dieser dann verladen wurde. Vielen meiner Freunde erging es so. Nach einer sehr langen Fahrt wurden wir abgeladen und aufgereiht. Von nun an standen wir nicht mehr verwurzelt im tiefen Waldboden. Stattdessen ohrenbetäubender Lärm vieler Maschinen, mit unzähligen Lichtern und Meschenmengen drängten sich an uns vorbei. Dies so dachte ich noch, ist also dein trauriges Ende. Doch schon nahm man mich und zwängte meinen Körper durch eine Öffnung. Am anderen Ende angekommen, war dann jenes Kunstnetz um mich, das mir die Luft abschnürte. Was dann geschah, weiß ein jedes Kind. Am Schluß stand ich, die kleine Fichte, in einem warmen Wohnzimmer der Familie ohne Namen. Wenn ich sage zum Schluß, so sollte es nicht mein Ende sein. Denn es kam der 24. Dezember und an diesem Tag wurde es wärmer und heißer um mein Herz. Die Tage darauf vergaß mein Herz einfach. Dürre Zweige und fallende Nadeln. Achtlos wurde mein noch übrig gebliebenes Kleid Tage später entsorgt. "Das ist also Weihnachten??"drangen Töne in mir hervor. Wo heute doch so viel für uns getan wird, damit die saubere Luft noch reiner erscheint. Dort, wo Menschen sich zurück ziehen möchten, um Ruhe und Stille in unseren Wäldern zu spüren. Hat es mit der Tradition etwas zu tun? Werden wir nur gezüchtet und zu Fall gebracht, um als Weihnachtsbaum geschmückt zu werden? So erging es mir. Meine Reise endete hier in dieser Dunkelheit. Am Ende empfing mich ein helles Licht, welches noch schöner und heller war als in meinem geliebten Wald. Dort, wo es mich wärmte und meinen Körper wachsen ließ. Einen Unterschied gibt es dennoch: Denn hier am anderen Ende ist der Friede mit allen Lebewesen vereint.

Ein Dankeschön an alle die meine Familie, uns Erdenwälder, mit leuchtenden Augen in der wunderbaren Natur nur betrachten.


Eure kleine Fichte Pinus Abis



PS. Ich habe vor ca. 5 Jahren, in einer Meditation, meine Erde gesehen. Mit ihrer Schönheit, in ihrer Pracht. Die auch ich weiterhin erhalten möchte.

Ich wünsche Allen eine besinnliche Weihnachtszeit, vielleicht dieses Jahr ohne einen Nadelbaum in der Wohnung.


Ihre Gabriele Look

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Unsere Praxis..